Kultur

„Sabotage“ von Yael Ronen an der Schaubühne Berlin

Vom „ethisches Angeln“ zum Nahostkonflik

GDN - Mit „Sabotage“ ist derzeit das neueste Werk von Yael Ronen an der Schaubühne in Berlin zu erleben. Das unterhaltsame Stück nimmt sowohl wichtige Themen wie das Verhältnis der Deutschen zu Israel als auch die psychologischen Mechanismen der Sabotage und Selbstsabotage in den Blick.
Noch während das Publikum seine auf der Eintrittskarte angegebenen Plätze einnimmt, bemühen sich die Figuren des neuen Stücks von Yael Ronen ein wenig Ordnung in das auf der Bühne deutlich sichtbare Chaos zu bringen. Jona Lubnik steht vor der Herausforderung, die Einzelteile der Regalserie IVAR, die verheißt, sich „passend zu deinem Bedarf und deinem verfügbaren Raum kombinieren zu lassen“, sinnvoll miteinander zu verbinden, während seine Therapeutin den fragwürdigen Versuch unternimmt, eine zerbrochene Vase zusammenzukleben und deren Bruder fokussiert einen Beistelltisch errichtet. Lubniks Frau hingegen scheint an ihrem Laptop sitzend andere Ziele zu verfolgen und ihre fragil konstruierte Um- und Mitwelt erfolgreich auszublenden.

Im Verlauf des Abends wird deutlich, dass den Protagonisten nicht nur die über den Bühnenboden verteilten Möbelelemente im Weg stehen, sondern sie sich zumeist selbst.
In seinem amüsanten Eröffnungsmonolog schildert der erfolglose Dokumentarfilmer Lubnik seine kuriose Familiengeschichte. Seine Eltern sind jüdisch: Der Vater stammt aus Russland, die Mutter aus der Ukraine. Letztere lebt mittlerweile in einer Beziehung mit einem Mann aus Gaza, womit sich eine Fülle von brisanten weltpolitischen und historischen Konflikten in seiner Person zu vereinen scheinen.
Die eigentliche Handlung des Stücks setzt mit Lubniks Entschluss ein, einen provokanten Film über den israelischen Naturwissenschaftler und Philosophen Jeschajahu Leibowitz zu produzieren. Leibowitz galt als scharfer Kritiker der Politik Israels, insbesondere der Besatzung palästinensischer Gebiete und warnte unermüdlich vor einer Umformung in einen faschistischen Staat und einer in den Abgrund führenden Entwicklung.
Bislang hatte Lubnik derartige kontroverse Inhalte vermieden; sein letzter Film „Der Köder“ behandelte das Thema „ethisches Angeln“. Der aktuelle Gazakonflikt, den Lubnik als „Völkermord“ bezeichnet, hat jedoch in ihm den Wunsch geweckt, sich aktiver in den politischen Diskurs einzubringen. Von diesem Sinneswandel ist seine Frau, eine erfolgreiche Neurologin, die kurz vor einem bedeutenden Karrieresprung steht, nicht wenig überrascht und fürchtet, dass ein derart brisantes Filmprojekt ihrer beruflichen Laufbahn erheblichen Schaden zufügen könnte.
Yael Ronen (geb. 1976 in Jerusalem) richtet in ihrem neuesten Stück den Fokus auf das Zusammenspiel von Sabotage und Selbstsabotage. Wie gewohnt greift sie aktuelle gesellschaftliche und konfliktgeladene Fragestellungen auf, etwa den Gazakrieg und den Umgang damit unter deutschen Juden und Nichtjuden und verarbeitet diese zu einer wortreichen und unterhaltsamen Komödie. Die Pointen sind häufig sehr lustig, und die boulevardesken Geschehnisse sowie Dialoge, die lediglich in wenigen schwachen Momenten in Slapstick abgleiten, sind äußerst unterhaltsam. Die vielschichtigen Themen treten jedoch zeitweise in den Hintergrund, was auch auf die eindimensionalen Figurenzeichnungen und die voraussehbaren Handlungsstränge zurückzuführen ist.
Das aus Carolin Haupt, Eva Meckbach, Dimitrij Schaad und Konrad Singer bestehende Ensemble macht seine Sache sehr gut.
Dimitrij Schaad verkörpert mit dem Filmemacher Jona Lubnik die ausdifferenzierteste Figur des Stücks und es macht große Freude, ihm dabei zuzuschauen und zuzuhören, wie er den neurotisch-jammernden Künstler hektisch gestikulierend und mit einem ausgeprägten Mitteilungsbedürfnis darstellt.
Seine Therapeutin – großartig gespielt von Eva Meckbach – beißt sich an ihm die Zähne aus und erduldet sein ständiges Wehklagen schwankend mithilfe von Sarkasmus, professioneller Distanz, entspannungsfördernden Hilfsmitteln oder der verführerischen Aussicht, seine Frau näher kennenzulernen.
Die erfolgreiche Neurologin (Carolin Haupt) steht kurz davor, als bislang jüngste Frau in die Chefetage der renommierten Charité aufzusteigen. Sie hegt den Verdacht, ihr Ehemann verfolge mit seinem Filmprojekt die Absicht, ihre Laufbahn zu sabotieren und wird schließlich mit ihren eigenen Lebenslügen konfrontiert.
Der Bruder der Psychotherapeutin (Konrad Singer), eine leider arg konstruiert wirkende Figur, hat nach einem Schlaganfall einen blinden Fleck im Sehfeld zurückbehalten. Sein Gehirn gleicht diesen mithilfe von Halluzinationen aus, weshalb er in der Folge von einem übergewichtigen Jesus, der ihn mit seinem Handy zu filmen scheint, verfolgt wird.
„Sabotage“ ist ein Stück über Antihelden, die an den Herausforderungen des Lebens zu scheitern drohen und ein Abend, der große moralische Fragen aufwirft, welche jedoch im Verlauf der Handlung mit ihren zwischenmenschlichen Zwistigkeiten in den Hintergrund treten. Es bleibt ein unterhaltsames und amüsantes Theatererlebnis.
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